Position Indication:
Content

Contemporary witness
Notizen einer Studienkollegin
Auszug aus einem Brief, den die Physikstudentin Marie-Luise Exner1 (mit Bezug auf ihren Studienkollegen Wilhelm Macke) an ihren Verlobten in englischer Kriegsgefangenschaft schrieb. [Heutige Erklärungen stehen in eckigen Klammern].
Göttingen, den 16.6.1947 Ich habe leider in den letzten Semestern viel zu wenig Mathematik getrieben. Ich merke das an allen Ecken und Enden. In der letzten Zeit hatte ich Gelegenheit, die Arbeitsweise eines Kollegen kennenzulernen, der das Hauptgewicht auf Mathematik gelegt hat [Macke]. Er macht übermorgen sein Diplom und ist erst im 5. Semester. An sich ist er Physiker. Er macht aber das Mathematiker Diplom, weil er sonst mit den Praktika nicht zurecht kommt [er hatte kein Chemie-Praktikum]. Seine Diplomarbeit (Tensorrechnung) hat er in 4 Nächten gemacht. Seine Arbeitsweise war folgende: Er lernte zunächst alle Gebiete der Mathematik, die irgendwie in der Physik, einschließlich Quantentheorie, vorkommen: Höhere Algebra, Gruppentheorie, Operatoren- und Tensorrechnung, Funktionentheorie usw. Nach Abschluß eines jeden dieser Gebiete warf er sich auf die Physik und ist dort natürlich mit Riesenschritten vorangekommen. Allerdings fehlt ihm noch die Breitenarbeit. Er kann nur das, was man von obenher ableiten kann. Halbempirische Dinge oder auch solche Gebiete, die noch keine abgeschlossene Theorie haben, fehlen ihm völlig. [Diese Eigenschaft blieb bis zu seinem Tod für ihn charakteristisch.] Da er aber kein Geld hat, will er erst einmal das Diplom in der Tasche haben. Bisher war er sich seiner Sache sehr sicher, aber am Samstag auf dem Physikerfest war er auf einmal bedröppelt. Er hatte nachmittags festgestellt, daß er die Theoretische Physik außer Quanten- und Relativitätstheorie vollkommen vernachlässigt hatte. Er bat mich deshalb, ihm da mal etwas auf den Zahn zu fühlen. Daraufhin habe ich ihn gestern Mittag in der Mensa vier Stunden lang kreuz und quer durch die Theoretische Physik gehetzt und zwar an Hand meiner Beckerübungen2. Im allgemeinen konnte er das Problem, dank seiner guten Übersicht von oben her, gleich richtig anpacken. Es gab jedoch halbempirische Sachen, die ihm Schwierigkeiten machten. Mich packte der blasse Neid, als ich sah, wie er Beckeraufgaben, an denen ich Tage lang gesessen hatte, mit wenigen Zeilen hinschrieb. Solche Begabungen sind auch hier in Göttingen selten. Bemerkenswert ist, daß dieser Wunderknabe 1938 mit Pauken und Trompeten durchs Abitur gefallen ist. |
![]()
|
1 [Marie-Luise Exner, verheiratete Beyer, promovierte 1950 in Göttingen bei Prof. Erwin Meyer (dem "Akustik-Meyer"). Im Anschluss an die Erziehung ihrer 3 Söhne arbeitete sie ab 1969 im Physikalischen Praktikum der Unis Hannover und Aachen. Seit Erreichen der Altersgrenze ist sie als Computerberaterin tätig und beschätigt sich viel mit Computergraphik (zB. Fraktalen).] |
![]()
|
2
[Richard Becker, Autor u.a. der bekannten
Lehrbücher "Theorie der Elektrizität" & "Theorie der Wärme"
unterrichtete damals in Göttingen. Weitere Berühmtheiten unter
den Professoren waren Carl Friedrich Weizsäcker, Werner Heisenberg und
Wirtz.
Kurz nach dem Krieg waren auch noch die
Nobelpreisträger Max Planck, Otto Hahn und Max von Laue in
Göttingen, die zwar keine Vorlesungen, aber gelegentlich Vorträge
hielten (viele der Professoren, die im Osten ihre Lehrstühle verloren
hatten, sammelten sich hier, um auf neue Aufgaben zu warten).
Im Praktikum arbeitete ein damals noch wenig bekannter Assistent,
Wolfgang Paul, der 1989 den Nobelpreis erhielt.]